Bollerwagen oder Rucksack? Der Untergrund entscheidet

Vom Parkplatz zum Stellplatz sind es auf größeren Festivals mehrere hundert Meter bis über einen Kilometer. Was man dabei trägt oder zieht, entscheidet über die erste Stunde — und manchmal über die Laune des ganzen Wochenendes.

Die kurze Antwort

Bollerwagen Rucksack
Zuladung 60 bis 120 kg 15 bis 25 kg
Auf Asphalt mühelos anstrengend
Auf nasser Wiese sehr schwer unverändert
Treppen, Drehkreuze, Gedränge Problem kein Problem
Hände frei nein ja
Eigengewicht 7 bis 20 kg 1 bis 3 kg
Auf dem Platz weiter nutzbar als Sitz, Tisch, Kühlbox nein

Die Zahl, die alles erklärt: Rollwiderstand

Die Zugkraft an der Deichsel ist Rollwiderstandsbeiwert × Gewicht. Der Beiwert hängt fast vollständig am Untergrund und an der Bereifung:

Untergrund und Reifen Beiwert, grob bei 80 kg Last
Asphalt, Luftreifen rund 0,01 rund 8 N — 0,8 kg
Asphalt, Hartgummi rund 0,02 rund 16 N
Trockene Wiese, Luftreifen rund 0,06 rund 47 N
Nasse Wiese, Hartgummi 0,15 bis 0,25 120 bis 200 N — 12 bis 20 kg

Das ist der Faktor zwanzig zwischen „zieht sich von selbst“ und „geht nicht mehr“. Und er hängt nicht am Preis des Wagens, sondern an zwei Dingen: breiten Luftreifen und dem Wetter.

Dazu kommt der Matsch, bei dem der Beiwert keine Rolle mehr spielt, weil die Räder einsinken statt zu rollen. Dann wird aus Rollen Schieben, und ein Rucksack gewinnt sofort.

Die drei K.-o.-Kriterien gegen den Wagen

  1. Das Gelände lässt ihn nicht zu. Manche Veranstalter verbieten Bollerwagen ganz oder in bestimmten Bereichen, manche nur Wagen mit Metallrahmen. Das steht in der Campingordnung und ist vorher zu klären — ein verbotener Wagen bleibt am Eingang.
  2. Der Weg hat Hindernisse. Treppen, Drehkreuze, enge Kontrollschleusen und dichtes Gedränge. Ein voller Wagen ist dort nicht schwer, sondern unmöglich.
  3. Die Anreise. Ein Bollerwagen mit 7 bis 20 Kilo Eigengewicht muss selbst erst zum Festival kommen — im Zug oder Bus ist er das größte Gepäckstück.

Was der Wagen dafür kann

Der Punkt, der in der Entscheidung meist fehlt: Der Bollerwagen hört nach dem Transport nicht auf, nützlich zu sein.

  • Als erhöhte Ablage neben dem Zelt — trocken und nicht auf dem Boden
  • Als Sitzgelegenheit und Tisch
  • Als Transport für Getränkekisten vom Stand zurück
  • Als Stauraum, der nicht im Zelt liegt
  • Mit Dach als Schattenplatz, siehe Bollerwagen mit Dach

Ein Rucksack liegt drei Tage lang im Zelt und ist im Weg.

Wer was nehmen sollte

  • Gruppe, Auto, befestigter Weg, viel Gepäck. → Bollerwagen, ohne Zweifel. Eine Fahrt statt vier.
  • Allein, Bahnanreise, ein Zelt und ein Schlafsack. → Rucksack. Der Wagen wäre das größte Teil im Gepäck.
  • Regen angesagt, Wiese als Zeltplatz. → Rucksack oder ein Wagen mit breiten Luftreifen. Hartgummi auf nasser Wiese ist die schlechteste Kombination, die es gibt.
  • Langer Weg, schweres Gepäck, unklarer Untergrund. → Beides: Wagen für die Kisten, Rucksack für das, was man nicht verlieren will. Siehe Wertsachen sichern.
  • Strand oder sehr weicher Boden. → Strandwagen mit Ballonreifen, oder gar keiner.

Wenn es der Wagen wird

  1. Luftreifen, so breit wie möglich. Das ist die einzige Entscheidung, die den Rollwiderstand wirklich ändert.
  2. Schwer nach unten und über die Achse, nicht nach vorn. Die Details stehen unter Bollerwagen beladen.
  3. Nicht bis zur Traglastgrenze füllen. Was tatsächlich hineinpasst, rechnet der Zuladungs-Rechner.
  4. Faltbar, wenn er mit ins Auto muss — siehe faltbarer Bollerwagen.
  5. Ziehen statt schieben, und am Hang quer statt gerade.

Was wir noch nicht wissen

  • Rollwiderstandsbeiwerte für die konkreten Reifen. Unsere Werte sind Größenordnungen aus der Literatur — mit einer Federwaage wären sie auf einer Wiese direkt messbar und stehen auf unserer Liste.
  • Welche Festivals Bollerwagen zulassen. Das fragen wir für unsere Veranstalterübersicht ab.
  • Die Reifenbreite in unserem Feld. Angegeben ist sie bei knapp der Hälfte, und sie ist die wichtigste Zahl überhaupt.

Häufige Fragen

Lohnt sich ein Bollerwagen fürs Festival?

Bei Anreise mit dem Auto, viel Gepäck und befestigtem Weg eindeutig — eine Fahrt statt vier, und danach dient er als Ablage, Sitz und Tisch. Gegen ihn sprechen drei Dinge: wenn der Veranstalter ihn nicht zulässt, wenn der Weg Treppen, Drehkreuze oder dichtes Gedränge hat, und wenn man selbst mit Bahn oder Bus anreist — dann ist der Wagen das größte Gepäckstück.

Wie schwer zieht sich ein Bollerwagen auf einer Wiese?

Sehr unterschiedlich. Die Zugkraft ist Rollwiderstandsbeiwert mal Gewicht: Auf Asphalt mit Luftreifen liegt der Beiwert bei rund 0,01, bei 80 Kilogramm Last sind das also etwa 8 Newton. Auf nasser Wiese mit Hartgummirädern liegt er bei 0,15 bis 0,25 — also 120 bis 200 Newton, das Zwanzigfache. In Matsch sinken die Räder ein, und dann wird aus Rollen Schieben.

Welche Räder braucht ein Bollerwagen?

Luftreifen, so breit wie möglich. Das ist die einzige Entscheidung, die den Rollwiderstand auf weichem Untergrund wirklich ändert — Hartgummi auf nasser Wiese ist die schlechteste Kombination. Für Strand und sehr weichen Boden gibt es Ballonreifen, die noch breiter aufliegen.

Sind Bollerwagen auf Festivals erlaubt?

Nicht überall. Manche Veranstalter verbieten sie ganz, manche in bestimmten Bereichen, manche nur Modelle mit Metallrahmen. Das steht in der Campingordnung und gehört vor der Abfahrt geklärt — ein verbotener Wagen bleibt am Eingang stehen, und dann trägt man doch.

Weiterlesen

Seit 2008 auf Musikfestivals unterwegs, von 550 bis über 200.000 Gästen, mit Auto und mit Bahn, im Zelt und im Wagen. Vergleicht Festivalausrüstung anhand von Herstellerdatenblättern und Normen statt anhand von Werbetexten.