Ein Schlafsack trägt bis zu drei Temperaturangaben, und die mittlere davon wird beim Kauf am häufigsten für die richtige gehalten. Sie ist es nicht.
Wie die Norm rechnet
EN ISO 23537 misst mit einer beheizten Gliederpuppe in einer Klimakammer und gibt drei Werte aus. Die Norm definiert sie über zwei Modellpersonen: Komforttemperatur ist die Temperatur, bei der eine Standardfrau entspannt schläft. Grenztemperatur ist die Temperatur, bei der ein Standardmann gerade noch acht Stunden schläft, zusammengerollt. Extremtemperatur ist eine Überlebensangabe mit Erfrierungsrisiko — sie ist ausdrücklich keine Komfortangabe und gehört nicht in die Planung.
Was dieses Werkzeug tut: Es ordnet deine erwartete Nachttemperatur in diese drei Bereiche ein und weist auf die Unterlage hin. Es rechnet keine Temperaturkorrektur aus dem R-Wert, weil es dafür keine genormte Umrechnung gibt — jede Zahl wäre erfunden.
Warum die Unterlage zählt: Ein Schlafsack isoliert nach unten kaum, weil die Füllung unter dem Körpergewicht zusammengedrückt wird. Die Isolation zum Boden leistet die Matte, und ihr R-Wert ist nur dann vergleichbar, wenn er nach ASTM F3340 gemessen wurde.
Was die Norm nicht abbildet: Wind, Feuchtigkeit, Müdigkeit, Kalorienzufuhr und das eigene Kälteempfinden. Die Werte gelten für einen ausgeruhten, satten Menschen in Funktionsunterwäsche auf einer Matte mit ausreichendem R-Wert.
Die drei Werte der Norm
EN ISO 23537 — früher EN 13537 — misst mit einer beheizten Gliederpuppe in einer Klimakammer und definiert die Werte über zwei Modellpersonen:
| Wert | Definition der Norm | Wofür man ihn benutzt |
|---|---|---|
| Komforttemperatur | Eine Standardfrau schläft entspannt in normaler Haltung. | Die Planungsgröße. |
| Grenztemperatur | Ein Standardmann schläft acht Stunden, zusammengerollt. | Untergrenze, kein Komfort. |
| Extremtemperatur | Überlebensbereich mit Erfrierungsrisiko. | Gar nicht. |
Die Zahl, mit der geworben wird, ist fast immer die Grenztemperatur oder die Extremtemperatur, weil sie niedriger klingt. Für die Planung taugt nur die Komforttemperatur.
Warum dieses Werkzeug nichts aus dem R-Wert rechnet
Das wäre naheliegend: Unterlage schlecht, also ein paar Grad dazurechnen. Wir tun es nicht, weil es dafür keine genormte Umrechnung gibt. Jede Zahl, die wir hier ausgäben, wäre erfunden — und genau das werfen wir den Herstellern vor, die Stundenzahlen ohne Prüfbedingung drucken.
Was stattdessen belegbar ist: Ein Schlafsack isoliert nach unten kaum, weil die Füllung unter dem Körpergewicht zusammengedrückt wird. Die Isolation zum Boden leistet die Matte. Deshalb weist der Checker auf die Unterlage hin, ohne so zu tun, als ließe sich ihr Effekt in Kelvin beziffern.
Welcher R-Wert zu welcher Nacht passt und warum nur Werte nach ASTM F3340 vergleichbar sind, steht unter Isomatte.
Was die Norm nicht abbildet
- Wind. Die Messung findet in einer Klimakammer statt. Im Zelt zieht es an anderen Stellen.
- Feuchtigkeit. Eine feuchte Füllung isoliert schlechter, und im Zelt ist nach zwei Nächten alles leicht feucht — siehe Kondenswasser im Zelt.
- Der Mensch. Müdigkeit, Kalorienzufuhr und Alkohol verändern das Kälteempfinden erheblich. Die Norm rechnet mit ausgeruht und satt.
- Das Feldbett. Unter einer Liegefläche zirkuliert Luft — deshalb ist ein Feldbett nachts kälter als eine Matte am Boden.
Nur 5 von 12 Schlafsäcken in unserem Feld sind normgeprüft
Das ist der Befund aus unserem Schlafsack-Vergleich: Sieben von zwölf Modellen geben Temperaturen an, ohne eine Prüfung nach EN ISO 23537 auszuweisen.
Praktisch heißt das: Eine Komforttemperatur von 6 °C bedeutet bei einem geprüften Sack etwas anderes als bei einem ungeprüften. Wenn im Datenblatt kein Normbezug steht, sollte man die Zahl als Marketingangabe behandeln und einen Sicherheitsabstand einplanen.
Was praktisch hilft, wenn es knapp wird
- Mütze. Der Kopf ist die Stelle, die kein Schlafsack abdeckt — bei Deckenschlafsäcken ohnehin nicht.
- Funktionsunterwäsche statt Baumwolle. Baumwolle nimmt Feuchtigkeit auf und kühlt.
- Ein Inlett. Ein Seiden- oder Fleece-Inlett verschiebt den Bereich spürbar und wiegt wenig — der Hüttenschlafsack kann genau das.
- Vor dem Schlafen bewegen und essen. Ein kalter Körper wärmt einen Schlafsack nicht auf; der Sack hält nur die Wärme, die vorhanden ist.
- Die Matte zuerst verbessern. Bei kalten Nächten bringt eine bessere Unterlage in aller Regel mehr als ein dickerer Schlafsack.
Weiterlesen
- Schlafsack-Temperaturen — die zwölf Modelle im Vergleich
- Deckenschlafsack · Mumienschlafsack · Daunenschlafsack
- Doppelschlafsack · Hüttenschlafsack
- Isomatte — der R-Wert nach ASTM F3340
- Feldbett, Luftmatratze oder Isomatte?
