Schlafsack-Temperatur: Komfort, Grenze, Extrem — und welche Zahl du ignorieren musst

Auf jedem Schlafsack stehen Temperaturen, und auf vielen stehen drei. Sie bedeuten nicht dasselbe, sie gelten nicht für dieselbe Person, und eine davon beschreibt gar keinen Zustand, in dem man schlafen möchte.

Die Norm und ihre drei Zahlen

EN ISO 23537 legt fest, wie Schlafsäcke temperaturbewertet werden — mit einer beheizten Prüfpuppe unter definierten Bedingungen. Sie hat die frühere EN 13537 abgelöst und definiert drei Werte:

Wert Gilt für Bedeutet
Komforttemperatur Standardfrau, 25 Jahre, 60 kg Sie liegt entspannt und friert gerade nicht.
Grenztemperatur (Limit) Standardmann, 25 Jahre, 70 kg Er schläft zusammengerollt acht Stunden und friert gerade nicht.
Extremtemperatur Standardfrau Überlebensbereich. Sechs Stunden ohne Erfrierungen — mit Risiko für die Gesundheit.

Die Extremtemperatur ist keine Nutzungsangabe. Sie beschreibt einen Zustand, in dem man nicht schläft, sondern durchhält. In unserem Schlafsack-Vergleich liegen die Extremwerte zwischen −2 und −21 Grad — und sie ist ausgerechnet die Zahl, die auf Verpackungen am größten gedruckt wird, weil sie am beeindruckendsten aussieht.

Kauf nach der Komforttemperatur. Wer bei der Grenztemperatur kauft, kauft einen Schlafsack, in dem man die Nacht zusammengerollt und wach verbringt.

Sieben von zwölf sind gar nicht geprüft

Die Norm gilt nicht für alle Schlafsäcke. Sie ist freiwillig, und die Prüfung kostet Geld.

In unserem Feld nennen fünf von zwölf Modellen eine Prüfung nach der Norm. Die übrigen sieben tragen Temperaturangaben, deren Zustandekommen nicht offengelegt ist. Das heißt nicht, dass die Zahlen falsch sind — es heißt, dass sie mit den geprüften nicht vergleichbar sind.

Es ist dasselbe Muster wie beim R-Wert von Luftmatratzen und bei der Wassersäule von Pavillondächern: Wo eine Norm existiert und nicht genannt wird, ist die Zahl eine Hausmarke.

Was die Norm nicht abbildet

Auch eine geprüfte Komforttemperatur ist kein Versprechen, denn sie gilt unter Laborbedingungen und für eine Standardperson. Fünf Dinge verschieben das Ergebnis erheblich:

  • Die Isomatte. Der größte Einzelfaktor und nicht Teil der Schlafsackprüfung. Nach unten wird die Füllung zusammengedrückt und isoliert kaum noch — die Wärme geht in den Boden. Wer bei 5 Grad auf einer dünnen Matte liegt, friert im besten Schlafsack. Der zugehörige Wert ist der R-Wert, und auch bei ihm zählt nur eine genormte Angabe: warum das so ist.
  • Die eigene Physiologie. Die Norm arbeitet mit 60 und 70 Kilogramm und 25 Jahren. Wer davon abweicht, weicht auch vom Ergebnis ab — und Kälteempfinden ist individuell sehr verschieden.
  • Feuchtigkeit. Eine durchfeuchtete Füllung isoliert deutlich schlechter. Bei Kunstfaser bleibt ein Rest, bei Daune verklebt sie und verliert den größten Teil ihrer Wirkung.
  • Was man anhat. Die Prüfung erfolgt mit definierter Unterbekleidung. Nackt oder in Jeans ergibt andere Werte.
  • Der Zustand des Schlafsacks. Eine Füllung, die jahrelang komprimiert im Packsack lag, hat Bauschkraft verloren. Was das verhindert, steht unter Abbau und Abreise.

Welche Temperatur ein Festival braucht

Eine Sommernacht in Deutschland fällt auch im Juni regelmäßig auf 8 bis 12 Grad, in klaren Nächten und in Mittelgebirgslagen auf 5. Daraus folgt:

  • Komforttemperatur um 8 bis 10 Grad ist für ein Festival im Sommer der sinnvolle Bereich. In unserem Feld erfüllen das mehrere Modelle mit Komfortwerten zwischen 8 und 16 Grad.
  • Komforttemperatur um 2 bis 5 Grad für Frühjahr, Herbst und kalte Lagen.
  • Alles darunter ist für ein Festival Ballast: mehr Gewicht, größeres Packmaß, und man schwitzt in der ersten warmen Nacht.

Eine Komforttemperatur von 16 Grad ist dagegen ein Sommerschlafsack im Wortsinn — in einer 9-Grad-Nacht friert man darin. Zwei Modelle im Feld liegen in diesem Bereich, und beide sind dafür sehr leicht.

Der günstigste Weg zu mehr Wärme

Nicht der nächstgrößere Schlafsack, sondern drei Dinge, die zusammen mehr bringen und weniger kosten:

  1. Eine Matte mit höherem R-Wert. Der größte Hebel überhaupt, weil er genau die Lücke schließt, die die Schlafsackprüfung offenlässt.
  2. Ein Inlett. Ein Hüttenschlafsack aus Seide oder Baumwolle im Schlafsack bringt spürbar Wärme, wiegt wenig und hält den Schlafsack sauber — mehr dazu.
  3. Eine Mütze. Über den Kopf geht Wärme verloren, und ein Deckenschlafsack hat keine Kapuze.

Was wir noch nicht wissen

  • Wie die sieben ungeprüften Modelle zu ihren Zahlen kommen. Wir haben bei den Herstellern nachgefragt, ob nach EN ISO 23537 geprüft wurde, ohne es auszuweisen, oder ob die Werte anders bestimmt wurden.
  • Wie stark die Isomatte das Ergebnis verschiebt. Dass sie der größte Einzelfaktor ist, gilt als gesichert. Wie viele Grad zwischen R 2 und R 5 liegen, können wir ohne Klimakammer nicht messen — aber wir können es mit Temperaturloggern in derselben Nacht vergleichend protokollieren.
  • Wie viel Bauschkraft eine komprimiert gelagerte Füllung verliert. Über Jahre messbar, für uns derzeit nicht.

Häufige Fragen

Was bedeuten Komfort-, Grenz- und Extremtemperatur?

Die Komforttemperatur gilt für eine Standardfrau von 25 Jahren und 60 Kilogramm, die entspannt liegt und gerade nicht friert. Die Grenztemperatur gilt für einen Standardmann von 70 Kilogramm, der zusammengerollt acht Stunden schläft und gerade nicht friert. Die Extremtemperatur beschreibt den Überlebensbereich — sechs Stunden ohne Erfrierungen, mit Gesundheitsrisiko. Gekauft wird nach der Komforttemperatur; die Extremtemperatur ist keine Nutzungsangabe.

Welche Schlafsack-Temperatur brauche ich fürs Festival?

Eine Komforttemperatur um 8 bis 10 Grad. Eine Sommernacht in Deutschland fällt auch im Juni regelmäßig auf 8 bis 12 Grad, in klaren Nächten und in Mittelgebirgslagen auf 5. Alles unter 2 Grad Komforttemperatur ist für ein Festival Ballast — mehr Gewicht, größeres Packmaß, und in der ersten warmen Nacht schwitzt man darin.

Was ist EN ISO 23537?

Die Norm, nach der Schlafsäcke temperaturbewertet werden. Geprüft wird mit einer beheizten Puppe unter definierten Bedingungen; heraus kommen Komfort-, Grenz- und Extremtemperatur. Die Norm hat die frühere EN 13537 abgelöst. Sie ist freiwillig: In unserem Feld nennen fünf von zwölf Modellen eine Prüfung, die übrigen sieben tragen Temperaturangaben ohne offengelegtes Verfahren.

Warum friere ich trotz warmem Schlafsack?

Fast immer wegen der Unterlage. Nach unten wird die Schlafsackfüllung zusammengedrückt und isoliert kaum noch — die Wärme geht in den Boden, und genau das bildet die Schlafsackprüfung nicht ab. Der zugehörige Wert ist der R-Wert der Isomatte. Dazu kommen Feuchtigkeit in der Füllung, die eigene Physiologie und eine Füllung, die jahrelang komprimiert gelagert wurde.

Kann ich der Temperaturangabe ohne Norm trauen?

Vergleichen lässt sie sich jedenfalls nicht. Wo eine Norm existiert und nicht genannt wird, ist die Zahl eine Hausangabe — dasselbe Muster wie beim R-Wert von Luftmatratzen und bei der Wassersäule von Pavillondächern. Das heißt nicht, dass die Werte falsch sind; es heißt, dass man sie nicht neben geprüfte Werte stellen kann.

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