Sturmfester Regenschirm: 7 Kilogramm Zug bei Windstärke 6 — und wo er verboten ist

Ein Regenschirm ist das bequemste Regenteil überhaupt: kein Anziehen, keine Nässe an der Kleidung, kein Schwitzen. Auf einem Festivalgelände ist er trotzdem selten die richtige Antwort — aus zwei Gründen, von denen nur einer physikalisch ist.

Die Rechnung: was der Wind an einem Schirm zieht

Der Staudruck auf eine angeströmte Fläche ist q = ½ · ρ · v² mit ρ = 1,25 kg/m³ für Luft. Ein Schirm mit 100 cm Spannweite hat rund 0,79 m² projizierte Fläche.

Wind Geschwindigkeit Staudruck Kraft auf 0,79 m²
Bft 3, schwache Brise 4,4 m/s 12 Pa 9 N ≈ 1 kg
Bft 4, mäßig 6,7 m/s 28 Pa 22 N ≈ 2,2 kg
Bft 6, stark 12,2 m/s 93 Pa 73 N ≈ 7,4 kg
Bft 8, stürmisch 19,0 m/s 226 Pa 178 N ≈ 18 kg

Die Formwerte eines gewölbten Schirms sind dabei nicht berücksichtigt; die tatsächliche Kraft liegt je nach Anströmung darüber.

Bei Windstärke 6 hängt also das Gewicht eines vollen Wasserkanisters an einem Aluminiumgestänge, das ein Mensch mit einer Hand hält. Dass Schirme umklappen, ist keine Qualitätsfrage, sondern das erwartbare Ergebnis.

Und weil die Geschwindigkeit quadratisch eingeht, verachtfacht sich die Last von Windstärke 3 auf 6. Dieselbe Rechnung machen wir für Pavillons und Zeltheringe.

Was „sturmfest“ konstruktiv bedeutet

Es gibt keine Norm dafür, und keine Windstärkenangabe eines Herstellers ist geprüft. Was sich aber benennen lässt, sind die Konstruktionsmerkmale, die tatsächlich etwas ändern:

  1. Doppellagiges Dach mit Entlüftung. Die obere Lage überlappt die untere, dazwischen kann Luft entweichen. Damit sinkt der Druckunterschied zwischen Ober- und Unterseite — das ist der wirksamste einzelne Eingriff.
  2. Fiberglas- statt Stahlstreben. Fiberglas biegt sich und federt zurück, Stahl knickt und bleibt geknickt. Ein umgeklappter Fiberglasschirm ist meistens wieder brauchbar.
  3. Mehr Streben. Acht statt sechs verteilen die Last auf mehr Punkte. Sechzehn Streben sind ein Merkmal der Sturmschirme.
  4. Doppelgelenke an den Streben. Sie lassen den Schirm kontrolliert umschlagen, statt ihn zu zerstören.
  5. Kleiner statt groß. Der unbeliebteste Ratschlag und der wirksamste: Ein Schirm mit 80 cm Spannweite hat 0,50 m² Fläche statt 0,79 — und damit ein Drittel weniger Last.

Der zweite Grund, und der wiegt schwerer

Im Publikumsbereich eines Festivals hat ein Regenschirm nichts verloren. Das ist keine Geschmacksfrage:

  • Sichtbehinderung. Ein aufgespannter Schirm nimmt zwanzig Leuten hinter einem die Sicht auf die Bühne.
  • Verletzungsgefahr. Die Spitzen sind auf Augenhöhe der Umstehenden. In einer dichten Menge ist das ein reales Risiko.
  • Er ist meistens verboten. Die Campingordnung beziehungsweise die Einlassbestimmungen vieler Veranstalter schließen Regenschirme im Veranstaltungsbereich ausdrücklich aus. Vor der Anreise nachlesen.

Auf dem Zeltplatz sieht es anders aus. Dort ist ein Schirm zum Gang zur Toilette oder zum Wasserhahn ausgesprochen praktisch, und niemandem steht er im Weg.

Wo ein Schirm auf einem Zeltplatz wirklich hilft

  • Beim Kochen unter freiem Himmel. Eine Hand hält, die andere rührt — und der Gaskocher bleibt trocken. Allerdings: nie über einer offenen Flamme, der Schirmstoff ist nicht flammhemmend.
  • Auf dem Weg zum Dixi. Zwei Minuten, für die sich keine Regenjacke lohnt.
  • Als Sonnenschutz. Der unterschätzte Nutzen — siehe unten.
  • Über dem Rucksack beim Packen, in den Boden gesteckt oder an den Pavillon gelehnt.

UV-Schutz: die Angabe, auf die man achten kann

Anders als bei der Windfestigkeit gibt es hier belastbare Normen:

  • UV Standard 801 — prüft den UV-Schutzfaktor im gedehnten, feuchten und gebrauchten Zustand. Der strengere und für Textilien im Gebrauch aussagekräftigere Ansatz.
  • EN 13758-1 — prüft am fabrikneuen, trockenen Material.

Beide stehen auf demselben Blatt wie der Unterschied zwischen EN 343 und beworbener Wassersäule: Die Zahl aus dem Neuzustand ist immer die größere. Ein Schirm mit ausgewiesenem UPF nach UV Standard 801 ist auf einer schattenlosen Wiese im Juli ein ernstzunehmendes Ausrüstungsteil.

Warum hier keine Vergleichstabelle steht

Für die wichtigste Eigenschaft dieser Produktklasse — die Windfestigkeit — gibt es keine Prüfnorm und keine vergleichbare Herstellerangabe. Was beworben wird, sind Windstärkenangaben ohne Prüfbedingung, meist in der Form „getestet bis 100 km/h“, ohne dass steht, wie getestet wurde.

Eine Tabelle aus solchen Zahlen wäre eine Abschrift von Werbetexten — dieselbe Begründung wie bei der Kühltasche und beim Mückenschutz. Vergleichbar sind dagegen Spannweite, Strebenzahl, Material und ob das Dach entlüftet ist. Danach kann man selbst gehen.

Was wir noch nicht wissen

  • Die tatsächliche Windfestigkeit. Keine Norm, keine vergleichbare Angabe. Mit einem Windkanal messbar — den haben wir nicht.
  • Der Formbeiwert eines gewölbten Schirms. Unsere Rechnung oben nutzt die projizierte Fläche ohne Beiwert; die reale Kraft liegt darüber, aber um wie viel, hängt an Wölbung und Anströmwinkel.
  • Wie oft ein Doppelgelenk das Umschlagen übersteht. Beworben wird es, beziffert nie.
  • Wie verbreitet Schirmverbote auf deutschen Festivals sind. Wir fragen das bei den Veranstaltern ab, zusammen mit den anderen offenen Punkten aus der Campingordnung.

Häufige Fragen

Wie viel Kraft wirkt bei Wind auf einen Regenschirm?

Mehr, als die meisten schätzen. Der Staudruck ist q = ½ · 1,25 · v². Ein Schirm mit 100 cm Spannweite hat rund 0,79 m² Fläche; bei Windstärke 6 mit 12,2 m/s wirken darauf etwa 73 Newton, also das Gewicht von 7,4 Kilogramm. Bei Windstärke 8 sind es rund 18 Kilogramm. Dass Schirme umklappen, ist deshalb keine Qualitätsfrage — die Last verachtfacht sich von Windstärke 3 auf 6, weil die Geschwindigkeit quadratisch eingeht.

Was macht einen Regenschirm sturmfest?

Fünf konstruktive Merkmale, denn eine Prüfnorm gibt es nicht. Erstens ein doppellagiges Dach mit Entlüftung, damit Luft entweichen kann und der Druckunterschied sinkt — der wirksamste Eingriff. Zweitens Fiberglasstreben statt Stahl, weil sie zurückfedern statt zu knicken. Drittens mehr Streben, acht statt sechs. Viertens Doppelgelenke, die den Schirm kontrolliert umschlagen lassen. Und fünftens: kleiner. Ein 80-cm-Schirm hat ein Drittel weniger Fläche als ein 100er.

Sind Regenschirme auf Festivals erlaubt?

Im Publikumsbereich oft nicht, und aus guten Gründen: Ein aufgespannter Schirm nimmt zwanzig Leuten die Sicht, und die Spitzen sind in einer dichten Menge auf Augenhöhe der Umstehenden. Viele Veranstalter schließen Schirme im Veranstaltungsbereich ausdrücklich aus — was gilt, steht in den Einlassbestimmungen. Auf dem Zeltplatz ist das anders: Dort ist ein Schirm für den Gang zur Toilette oder zum Wasserhahn ausgesprochen praktisch.

Schützt ein Regenschirm auch vor Sonne?

Ja, und das ist der unterschätzte Nutzen auf einer schattenlosen Wiese. Hier gibt es anders als bei der Windfestigkeit belastbare Normen: UV Standard 801 prüft den Schutzfaktor im gedehnten, feuchten und gebrauchten Zustand, EN 13758-1 am fabrikneuen, trockenen Material. Wie bei EN 343 gegen beworbene Wassersäule gilt: Die Zahl aus dem Neuzustand ist immer die größere. Ein ausgewiesener UPF nach UV Standard 801 ist die belastbarere Angabe.

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