Atmungsaktivität: der Ret-Wert entscheidet, nicht die Membran

„Atmungsaktiv“ steht auf fast jeder Regenjacke. Es ist keine geschützte Aussage, keine Schwelle und keine Zusage — eine Zahl dahinter gibt es trotzdem.

Was Ret misst

Ret ist der Wasserdampfdurchgangswiderstand. Er sagt, wie stark ein Material den Dampf aufhält, den der Körper abgibt.

Die Einheit ist m²·Pa/W — Quadratmeter mal Pascal pro Watt. Wie beim R-Wert steht sie fast nie dabei, und wie dort beschreibt sie einen Widerstand.

Niedriger ist besser. Das ist die umgekehrte Logik zur Wassersäule und der Grund, warum beide Zahlen so oft verwechselt werden.

Ret Einordnung
über 40 kaum atmungsaktiv — Gummistiefel-Prinzip
25 bis 40 mäßig, für kurze Wege
15 bis 25 gut
unter 15 sehr gut
unter 6 Spitzenbereich, meist sehr teuer

Diese Stufen entsprechen den vier Klassen der EN 343.

Die Rechnung, die niemand gern aufmacht

Ein Mensch gibt bei mäßiger Anstrengung mehrere hundert Milliliter Wasser pro Stunde über die Haut ab, bei Belastung deutlich mehr. Keine Membran der Welt führt das vollständig ab, solange es draußen feucht ist.

Der Grund ist die Antriebskraft: Dampf wandert nur dorthin, wo weniger Dampf ist. Bei Regen ist die Luft außen nahezu gesättigt — das Gefälle, das den Transport antreibt, ist dann fast null.

Daraus folgt die unbequeme Wahrheit: Bei warmem Regen wird man nass. Die Frage ist nur, von welcher Seite.

Was mehr bringt als jede Membran

  1. Lüftungsöffnungen unter den Armen. Ein Reißverschluss bewegt mehr Feuchtigkeit nach draußen als die beste Membran — weil er Luft bewegt, nicht Dampf diffundieren lässt.
  2. Weite statt Enge. Luft zwischen Haut und Jacke transportiert Feuchtigkeit. Eine eng anliegende Jacke klebt.
  3. Die richtige Schicht darunter. Baumwolle saugt sich voll und bleibt nass; Kunstfaser oder Wolle leiten weiter.
  4. Langsamer gehen. Klingt banal, ist aber der wirksamste Hebel: Wer weniger schwitzt, muss weniger abführen.
  5. Der Poncho. Er ist unten offen — maximale Belüftung, deshalb auf dem Zeltplatz oft angenehmer als jede Jacke, siehe Regenponcho.

Warum eine Jacke mit der Zeit schlechter wird

Der häufigste Grund ist nicht die Membran, sondern die Außenseite.

Das Obermaterial trägt eine wasserabweisende Ausrüstung. Lässt sie nach, saugt sich der Stoff voll. Dann gilt:

  • Die Membran ist weiterhin dicht — es kommt kein Regen durch.
  • Aber der nasse Außenstoff blockiert den Dampf. Das Gefälle nach außen bricht zusammen.
  • Die Jacke fühlt sich undicht an, obwohl sie es nicht ist.

Das ist der Moment, in dem Imprägnieren wirklich hilft — und zwar auf der Außenseite. Dieselbe Verwechslung wie beim Zelt, nachzulesen unter Zelt imprägnieren.

Membran ist nicht gleich Membran

Zwei Bauarten, die sich im Regen unterschiedlich verhalten:

mikroporös hydrophil
Prinzip winzige Poren, zu klein für Tropfen geschlossener Film, Dampf wandert durch das Molekül
Bei Kälte gut langsamer
Empfindlich gegen Fett, Creme, Schmutz in den Poren weniger
Reinigung wichtig wichtig

Für den Alltag heißt das vor allem eins: Eine verschmutzte Jacke atmet schlechter. Waschen mit dem richtigen Mittel ist Pflege, kein Verschleiß.

Was wir noch nicht wissen

  • Den Ret-Wert der Jacken in unserem Feld. Praktisch kein Hersteller nennt ihn — die Wassersäule steht überall, der Ret-Wert fast nirgends.
  • Die Membranbauart. Wird als Markenname genannt, nicht als Prinzip.
  • Wie stark die Atmungsaktivität mit der Zeit nachlässt. Die Richtung ist bekannt, eine Messreihe dazu gibt es nicht.

Häufige Fragen

Was ist der Ret-Wert?

Der Wasserdampfdurchgangswiderstand, gemessen in m²·Pa/W. Er sagt, wie stark ein Material den Dampf aufhält, den der Körper abgibt — und niedriger ist besser. Das ist die umgekehrte Logik zur Wassersäule und der Grund, warum beide so oft verwechselt werden. Über 40 gilt als kaum atmungsaktiv, unter 15 als sehr gut.

Warum werde ich in der Regenjacke trotzdem nass?

Weil Dampf nur dorthin wandert, wo weniger Dampf ist. Bei Regen ist die Luft außen nahezu gesättigt, das Gefälle bricht zusammen, und selbst eine sehr gute Membran führt kaum noch etwas ab. Ein Mensch gibt bei mäßiger Anstrengung mehrere hundert Milliliter pro Stunde ab — das schafft keine Jacke. Bei warmem Regen wird man nass, die Frage ist nur, von welcher Seite.

Was hilft mehr als eine teure Membran?

Lüftungsöffnungen unter den Armen: Ein Reißverschluss bewegt mehr Feuchtigkeit nach draußen als jede Membran, weil er Luft bewegt statt Dampf diffundieren zu lassen. Dazu eine weite statt enge Passform, Kunstfaser oder Wolle statt Baumwolle darunter — und langsamer gehen. Auf dem Zeltplatz ist der unten offene Poncho oft angenehmer als jede Jacke.

Warum atmet meine alte Jacke schlechter?

Meist liegt es nicht an der Membran, sondern an der Außenseite. Lässt die wasserabweisende Ausrüstung nach, saugt sich der Oberstoff voll. Die Membran bleibt dicht, aber der nasse Außenstoff blockiert den Dampf — die Jacke fühlt sich undicht an, obwohl sie es nicht ist. Genau dann hilft Imprägnieren, und zwar außen. Auch Schmutz und Fett verschlechtern die Atmungsaktivität.

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